Montag, 15. Juni 2015

... kann auch entzücken.

In meinem letzten Post bin ich vom Höckschen aufs Stöckschen (schreibt man das so????) gekommen und wollte eigentlich über etwas gutes, nämlich meine toll verheilte Rückennarbe zu sprechen kommen. Das hole ich hiermit nach!

Mein armer Mann muss immer noch in regelmäßigen Abständen meinen Rücken fotografieren. Das hat für mich den Vorteil, dass ich eventuelle Veränderungen dokumentiert habe. Außerdem kann ich mir in Ruhe die Rückennarbe ansehen, denn das ist vor dem Badezimmerspiegel etwas schwierig und endet im schlimmsten Fall mit einem verdrehten Nacken. Hier also mein Rücken:


Ich bin sehr begeistert von dieser Narbe. Sie ist gerade mal vier Monate alt und für meine Begriffe perfekt genäht und super geheilt. Es wurden selbstauflösende Fäden benutzt und der Arzt (der "Dottore", falls das jemandem was sagt... :-)) im St. Josefshospital Bochum hat die sog. Schmetterlingstechnik angewandt, der auch das subkutane Gewebe wieder gut miteinander verbindet.  (Das weiß ich nur, weil ich während der OP lediglich lokal betäubt war....) 
Der dicke, rote Punkt rechts neben der Narbe ist eine Exision, die vor einem Monat gemacht wurde. Hier wurde nur geschnitten, aber nicht genäht, da der Arzt das Rückengewebe nicht noch mehr belasten wollte. Es sah zunächst so aus, als hätte jemand eine Zigarette auf meinem Rücken ausgedrückt (uuuuaaaah!), aber jetzt normalisiert es sich langsam wieder. Also, es geht voran!


Ein schöner Rücken.....

Nach längerer Abwesenheit melde ich mich heute mal wieder. Der erste Sommer mit der Diagnose Hautkrebs ist eine Herausforderung. 

Schon mal im Juni in der Regenschirmabteilung eines großen Kaufhauses gewesen? Ich auch nicht - bislang. Auf der Suche nach einem UV-Taschenschirm bin ich dort gelandet. Es ist ganz schön einsam dort - vor allem, wenn die Sonne draußen lacht. Die Schirme mit bis zu 95%igem UV-Schutz sind ab 40,00 € zu haben - ein stolzer Preis, vor allem, wenn man - wie ich - den Schirm gern mal beim Friseur, in der Bahn, wo auch immer liegen lässt.
Aber ich habe mich dazu entschieden, einen solchen Schirm zu kaufen und auch zu nutzen. Ich weiß, dass ich wahrscheinlich schief angeschaut werde, wenn ich bei strahlendem Sonnenschein mit einem Schirm rumrenne. Die Alternative wäre, die Sonne auf meinen Kopf brennen zu lassen oder einen breitkrempigen Hut zu tragen. Da breitkrempige Hüte immer den Charme des Mondänen ausstrahlen und ich das Gegenteil von mondän bin (und auch nicht sein will), ist der Schirm eine gute Alternative. Die Knirpse im Kaufhaus gefallen mir optisch nicht. Ich entscheide mich für einen Taschenschirm von Lilienfeld im Sonnenblumendesign - direkt beim Hersteller bestellt. Wenn der nächste pralle Sonnentag kommt, werde ich den Schirm ausprobieren.
Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, sich vor der Sonne zu schützen, ohne die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Während des letzten Sommerfestes meines Arbeitgebers lief ich mit meinem flotten Hut von C & A durch die Gegend. Zeitweise hielt ich ihn auch nur in der Hand, denn im Haus oder im Schatten macht der Hut wenig Sinn. Ständig wurde ich auf den Hut angesprochen. "Was rennst du die ganze Zeit mit dem Hut durch die Gegend?" fragt mich eine ältere Kollegin. Was soll ich antworten... "Ich habe Hautkrebs und schütze mich mit diesem Hut!"...??? Schlechtes Thema für eine Party. Ich sage also: "Ich sammle für einen guten Zweck und singe. Aber alle Leute geben mir nur Geld, damit ich endlich aufhöre." Das sorgt für Lacher und der Hut ist aus dem Fokus. Bei mir bleibt trotzdem ein fahler Geschmack zurück. Die Unbefangenheit, mit der ich mich noch im letzten Jahr in der Sonne bewegt habe, ist perdu.


Freitag, 5. Juni 2015

Tage wie Feuer und Wasser

Sechs Tage soll ich warten, bis das Ergebnis kommt. Habe ich weitere Stellen, die von Hautkrebs befallen sind oder ist diesmal alles in Ordnung?


Die Tage bis zum Anruf vergehen schnell. Ich arbeite viel. Erst zwei Tage vorher geht das Kopfkino wieder los. War ich mir doch eigentlich sicher, dass die exisierten Stellen "vom Gefühl her " sauber waren, kann ich mich jetzt auf einmal erinnern, dass das untere Muttermal sich doch verändert haben könnte.
Die Klinik hat wieder ganze Arbeit geleistet. Ich muss nicht zum Fäden ziehen, sondern habe selbstauflösende (resorbierbare) Fäden bekommen. Die obere Stelle an der Brust sieht - abgesehen von dem riesigen blauen Flecken - einfach großartig aus. Ich bin froh, dass dort nicht gestanzt, sondern geschnitten wurde. Der Arzt hat darauf geachtet, dass meine Brust nichts abkriegt - ich bin sehr glücklich darüber und nehme mir vor, bei der nächsten Vorsorge eine Flasche Rotwein mitzunehmen, um mich zu bedanken.
Der Termin der Rückmeldung ist laut Auskunft der Frau in der Ambulanz für Mittwoch zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags geplant.
Am Dienstag denke ich, dass das Krankenhaus vielleicht doch schon heute anruft. Also belagere ich mein Festnetztelefon und habe das Handy immer "am Mann". Nichts passiert. Die Nacht ist unruhig.
Am Mittwoch wache ich mit dem Schreckensgedanken auf, dass die Klinik doch nicht anruft, weil sie eventuell das Ergebnis noch nicht haben oder zu viel zu tun ist. Es ist zum verrückt werden.
Um 14:00 Uhr nehme ich mir den Hund und gehe in den Wald - arbeiten geht nicht und für alles andere - selbst fürs Wäsche zusammenlegen - fehlt mir die Konzentration. Urgs.
Ich bin gut eingecremt, das Wetter ist schön. Langsam kann ich wieder durchatmen. Die Melodie von "Downton Abbey" ertönt - mein Klingelton. Es ist 14:23 Uhr, das Display zeigt "Private Nummer". Mit zitternden Fingern nehme ich das Gespräch an. "Das St.Josefs-Hospital in Bochum, die Dermatologie", höre ich eine junge, freundliche Frauenstimme. Mein Herz sackt in die Hose. "Ja.", kann ich nur antworten. "Spreche ich mit ....." - "Ja." Schweigen. "Frau K., wir haben drei Stellen entnommen am Freitag. Alle drei wurden eingeschickt und das Ergebnis ist heute bei uns eingetroffen. Es ist alles gutartig - also alles bestens." Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. "Sind Sie sich sicher - alle drei Stellen sind gutartig?" frage ich atemlos. "Ja, alles gut. Wir sehen uns zur nächsten Nachsorge." - "Vielen Dank", bringe ich noch heraus. "Sie haben mir den Tag gerettet." Den Tag? Die gesamte kommenden Tage und Wochen!
Ich umarme den Hund und heule los. Gut, dass niemand außer mir im Wald ist. Die Tränen laufen, es sind Tränen der Erleichterung und Freude. Ich rufe meinen Mann an. Er ist genauso froh wie ich. Langsam fange ich mich wieder. Ich schaue in den blauen Himmel und rieche die jungen, duftenden Blätter des Waldes, sehe das zarte Grün.
Die Welt ist schön.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Do it again...

Letzte Woche war ich zur Untersuchung im Josefshospital Bochum. Anlass war ein Muttermal, dass sich meiner Meinung stark verändert hat. Es handelt sich um die Stelle, die kurz nach der OP von einem Blutschwämmchen überzogen war und die mich  panisch in die nächste Notfallsprechstunde rennen ließ (siehe Post vom 16.3.2015). Diese kleine fiese Stelle hat sich in den letzten Wochen stark verändert, sie wurde knotig und dunkel. Ich vereinbarte einen Termin mit "meiner" Hautambulanz in Bochum. Die junge Ärztin stimmte mir zu und sagte: "Wo wir gerade dabei sind: Lassen Sie uns doch direkt die Nachsorge machen!" ...Ok..... dachte ich, zog mich aus und stellte mich den prüfenden Augen der jungen Frau. Zwei Stellen (Bauch und - aua - Brust) waren ihrer Meinung nach ebenfalls auffällig. Das bedeutete für mich: ein neuer Termin zum Schneiden/Ausstanzen steht an. Shit!

Heute ist es soweit. Der Termin ist um 7:30 Uhr. Ich bin allein zum Krankenhaus gefahren und ganz froh darum, mich mit niemandem unterhalten zu müssen. Ein älterer Mann und ich sitzen im langen Flur der Dermatologie im dritten Stock und werden von der Schwester in die Umkleidezimmer geführt. Ich wundere mich, dass ich jetzt doch wieder ein OP-Hemd, ein grünes Mützchen und Plastikschuhe überziehen muss. Beim letzten Mal wurde die Stelle in der dermatologischen Ambulanz entfernt, ratzfatz in fünf Minuten. Ich ziehe also das Engelhemdchen an und warte darauf, dass sich die Tür öffnet. Alle 30 Sekunden muss ich hin- und her gehen, sonst geht das Licht im Kabuff aus - der Bewegungsmelder ist auf "sportlich" gestellt.
Um kurz vor acht ist es dann soweit. Ich darf mich auf den OP-Tisch legen und der Arzt stellt sich kurz vor, bevor er sich die zu entnehmenden Stellen anschaut. Etwas verwundert sehe ich zu, wie er die erste Stelle mit einem schwarzen Stift markiert. Auf meine Nachfrage sagt er, dass er auch stanzen könnte, es dann aber kosmetisch nicht so gut aussehen wird, vor allem an diesen "pikanten" Stellen. Ok, dann gern schneiden!
 
Die Spritzen drücken und brennen ein wenig, dann merke ich nichts mehr... noch nicht einmal, ob nun auch alles betäubt ist. Der Arzt beginnt und ich merke .... nichts, puh! Über eine halbe Stunde wird geschnibbelt und genäht. Wir unterhalten uns währenddessen über "Germanys Next Top Model" und Essstörungen. Zum Ende hin wird es noch mal unangenehm, denn die Stelle am Rücken wird mit einer Rasierklinge entfernt und die Wunde wird nicht genäht, da sie zu nah an dem Nachschnitt vom letzten Mal liegt. Leider sehe ich die Rasierklinge und mir wird etwas komisch. 
Jetzt ist es vorbei. "Fünf bis sieben Tage nicht duschen, bitte!", ruft der Arzt mir noch hinterher. Himmel, das ist eine Herausforderung! Ich ziehe mich an und gehe noch mal zur Ambulanz. Die nette Frau an der Aufnahme sagt, dass ich nächsten Mittwoch zwischen 3 und 4 mit den Ergebnissen rechnen kann. Ich werde angerufen. Also gut, das Warten beginnt!


Sonntag, 3. Mai 2015

Nach der Diagnose: meine persönliche Liste

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll neu Erkrankten helfen, mit der Diagnose zurecht zu kommen.

1. Suche dir einen Vertrauten
Nach dem Schock der Diagnose musst du mit jemandem sprechen, dich jemandem anvertrauen können. Das kann dein Partner/deine Ehefrau sein oder aber auch ein guter Freund bzw. die beste Freundin. Du brauchst jetzt keine weisen Sprüche, sondern einfach nur jemanden, der da ist und dir zuhört.
(Mein Mann kann zuhören und ohne große Worte trösten. Das war in der Anfangszeit und bis heute ein riesen Geschenk. Wenn ich das Gefühl habe, ihn zu überfordern, spreche ich mit einer lieben Freundin und Arbeitskollegin, die den Krebs überstanden hat und weiß, wie es mir geht.)

2. Erzähle deinen Kindern erst mal nichts
Vor allem, wenn du jüngere Kinder hast: sei zurückhaltend mit der Weitergabe deiner Krankheit. Die neue Situation und die ungewisse Zukunft ist für dich furchtbar - für deine Kinder ebenfalls. Bis du nicht genau weißt, was Sache ist (Diagnose, Nachschnitt, evtl. Therapie), nimm das Wort "Krebs" vor deinen Kindern nicht in den Mund. Erst, wenn du weißt, wie es weitergeht, können auch deine Kinder erfahren, was los ist und wie es weiter geht.
(Meine Kinder sind schon recht alt, der Große wusste ziemlich schnell, worum es geht, aber mit 18 Jahren kann er es auch schon gut einschätzen und redet mit mir, wenn ihm etwas unklar ist. Meine Tochter will mit ihren 14 Jahren bis heute nicht wissen, wie meine Krankheit genau heißt. Wir reden über "das Ding auf dem Rücken" und dass "ein Muttermal weggeschnitten werden musste, um schlimmeres zu vermeiden".)
Diese Bücher sind gut geeignet, um sich auf das Gespräch mit den Kindern vorzubereiten (gibt es auch in der Stadtbibliothek :-)): Kindern Krebs erklären

3. Versuche, einen Termin für den Nachschnitt möglichst zeitnah zu erhalten
Nichts ist schlimmer, als mit einer ungewissen Prognose ewig warten zu müssen. Versuche, in einer Spezialklinik (Dermatologie) einen möglichst frühen Termin zu erhalten. Je schneller das geschehen ist, umso fixer hast du das Ergebnis der Gewebeprobe. Meist werden auch die Lymphknoten per Ultraschall untersucht und ggf. wird der nächstgelegene Lyphknoten (der sog. Wächter) raus genommen und es wird geguckt, ob das Melanom bereits gestreut hat, also Metastasen vorhanden sind. Die Ergebnisse der Nachexision sind i.d.R. spätestens nach zwei Wochen da und dann weißt du Bescheid.
(Mein Termin in der Klinik war superschnell und ich war froh, dass ich sofort operiert wurde.)

4. Sei nicht geschockt über die Größe deiner Narbe und die Länge der OP
"Wir machen 1 cm Nachschnitt." Das hört sich nicht viel an. Wenn man allerdings weiß, dass es sich um nicht um einen Umfang von 1 cm handelt, sondern um jeweils einen Zentimeter Abstand rund um das ehemalige Melanom, sieht die Sache schon anders aus. Bitte deine Ärzte, dir vorher zu erklären, wie und wieviel sie schneiden, dann bist du vorbereitet.
Die OP dauert nicht nur 10 Minuten, sondern meist deutlich länger. Das ist auch gut so, denn dann weißt du, dass zum einen möglichst alles weggeschnitten wird und zum anderen die Narbe gut und in Ruhe zugenäht wird.
(Meine Narbe am Rücken ist länger als 10 cm. Mir war nicht bewusst, dass die Ärzte so viel wegschneiden. Es macht mir im Nachhinein nichts aus, aber eine frühere Information hätte mich beim Anblick im Spiegel nach der OP nicht aus allen Wolken fallen lassen. Die OP von einer Stunde habe ich gut verpackt, aber wenn ich vorher gewusst hätte, wie lange operiert wird und was man so mitkriegt... Veröden der Wunde, Gespräche der Ärzte, der Schnitt mit dem Skalpell..... hätte ich evtl. doch eine Vollnarkose gewählt.)

5. Guck im Internet an den richtigen Stellen
Du willst möglichst viel über deine Krankheit wissen und googelst im Internet alle möglichen Seiten durch? Wenn du stabil genug bist, mache das ruhig. Du kannst aber auch auf Seiten stoßen, die dich eher verunsichern als zusätzliche Infos zu geben. Das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke sind aber auch ein wunderbarer Ort, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, Trost zu spenden und selbst zu erfahren. Bei Facebook gibt es zwei großartige Gruppen, die Betroffene mit Hautkrebs zusammenführt:
Diagnose Hautkrebs und lachend in der Sonne und
Im Kampf gegen den Hautkrebs
Hier kann man schnell eine Frage loswerden, zusammen über ein sch... Ergebnis heulen, sich gegenseitig Mut machen, einfach mal albern sein... und man hat das Gefühl, nicht viel erklären zu müssen, weil alle in einer ähnlichen Situation sind.
(Für mich sind beide Gruppen Gold wert. Ich rate dir, dich dort anzumelden. Beide Gruppen sind geschlossene Gruppen. Was dort besprochen wird, bleibt in der Gruppe. Deine Posts in der Gruppe sind nur für Gruppenmitglieder sichtbar. Wie immer du zu Facebook stehen magst: das ist was echt gutes!!!)


... to be continued.... Stand: 4. Mai 2015)

Montag, 20. April 2015

Was man so alles tut....

Ich versuche, der Diagnose Hautkrebs den Schrecken zu nehmen und werde in verschiedener Hinsicht aktiv. Dazu gehört auch ein Termin bei der Psychoonkologie und ein weiteres, privat bezahltes Hautscreening.

Meine Hautärztin hat mir einen Termin in der Psychoonkologie des Uniklinikums ermöglicht. Gut, dass ich so früh da bin, denn das Gelände des Klinikums lädt zum Verlaufen und Herumirren geradezu ein.
Ich gelange in den Wartebereich und bin plötzlich von vielen jungen Mädchen umgeben. Es dauert einen Augenblick, bis ich weiß, warum sie hier sind: Essstörungen. Jedes von ihnen hat ein Büchlein mit der Überschrift "Essprotokoll" in der Hand und wartet auf das wöchentliche Wiegen.
Ich lausche den Gesprächen und bin so etwas abgelenkt, bis ich aufgerufen werde. Die Therapeutin ist eine junge, sympathische Frau mit braunen Haaren und einem verschmitzten Lächeln.
Sie begleitet mich in den Therapieraum und bietet mir etwas zu trinken an. Ich bin froh, dass sie zunächst Fragen stellt, die unverfänglich sind. Ich habe natürlich Angst, die Fassung zu verlieren..... was dann aber (natürlich und Gott sei Dank) geschieht. Ich weine, weine, weine. Es tut mir gut, mich nicht mehr zusammennehmen zu müssen, nicht erst erklären zu müssen, was mich so sehr belastet.
Die Therapeutin fragt nach meiner beruflichen Situation und ist erstaunt, als ich ihr sage, dass ich nach zweiwöchiger Krankschreibung wieder arbeiten gegangen bin. Sie erzählt mir, dass mit meiner Diagnose Menschen bis zu einem Jahr zu Hause geblieben seien. Das kann ich mit nun gar nicht vorstellen - ich merke aber, dass ich die Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung auch immer noch nicht wirklich realisieren will. Ich erkenne, dass ich mir zu wenig Zeit gegeben habe: für das Nachvollziehen der Diagnose Krebs und die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.
Die Therapeutin lobt meine Anstrengungen, eine Kur zu beantragen. Ich selbst verspreche mir auch einiges von einer Reha, im Grunde liegen alle meine Hoffnungen, dass es mir besser geht, darauf.
Nach der Stunde bei der Psychologin geht es mir besser, ich hatte eine erste Standortbestimmung und irre nicht mehr ganz orientierungslos durch Raum und Zeit. Es war aber auch sehr anstrengend und beim anschließenden Besuch des Friseurs schlafe ich zweimal ein.

Wenige Tage später nehme ich den Telefonhörer in die Hand und rufe eine private Hautarztpraxis an. Ich möchte ein weiteres Hautscreening vornehmen lassen. Die morgentlichen Untersuchungen meiner Haut nehmen immer mehr Zeit in Anspruch, ich stehe mittlerweile eine halbe Stunde vor dem Spiegel und betaste und inspiziere meine Muttermale. Zum Ende hin weiß ich nicht mehr, ob sich etwas verändert hat oder nicht. Bei der Menge der Muttermale verliere ich den Überblick und habe nach der Eigenuntersuchung mehr Angst und Unsicherheit als vorher. Das muss aufhören. Am 11. Mai bin ich mittags bei Dr. Perret. Ich hoffe, danach ruhiger und gelassener den Tag beginnen zu können.

Dienstag, 14. April 2015

Sonnenurlaub im Schatten

Der Türkeiurlaub war schon längst gebucht, als die Diagnose kam. Wie fühlt sich ein Urlaub unter neuen Vorzeichen an?

Ich war noch nie ein Sonnenbeter. Stundenlang in der prallen Sonne liegen, vom Bauch auf den Rücken drehen, Trägerchen hin und her bewegen, damit die Bräune nahtlos wird - das ist nichts für mich. Lieber ein Buch unter dem Sonnenschirm und ein leckeres Getränk im Schatten. Aber natürlich liebte ich das stundenlange Bad im Meer oder dem Swimmingpool, das Trocknen des Wassers auf der Haut, ohne das Handtuch zu benutzen und stundenlange Spaziergänge am Meer mit dem Wind der Nordsee und nichts als einem Bikini bekleidet.
Dinge, die nun endgültig vorbei sind.
Der Türkeiurlaub steht an. Nie hätte ich gedacht, dass ich mir vor einem Urlaub solch merkwürdigen Gedanken machen würde: Sind genügend Sonnenschirme dort? Vielleicht ist das Wetter gar nicht so schön und ich habe GLÜCK?
Die ersten Tage verlaufen unspektakulär, da wir die Gastfamilie meines Sohnes treffen, in der er ein Jahr lang gelebt hat. Viel Besichtigungsprogramm mit dem Auto, Essen im Restaurant, Museen, Moscheen.... die Sonne ärgert mich nicht.
Das soll anders werden, als wir nach Antalya fliegen. Sobald die ersten Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervorlugen, reißen sich alle Hotelgäste die Kleidung vom Leib. Szenen, die mich im vorigen Jahr nicht berührt hätten, machen mich jetzt fertig. Dieser ältere Herr mit dem dicken Bauch liegt seit Stunden in der prallen Sonne und ist mittlerweile krebsrot, ebenso die junge blonde Frau am Pool. Ich gehe an den Liegen vorbei und versuche unauffällig eine Art Hautscreening durchzuführen. Dieses große schwarze Mal an dem Unterschenkel der britischen Touristin.... das sieht aber sehr merkwürdig aus?
Am nächsten Tag liege ich in einer ganz wunderbar bequemen langen türkischen Hose (der sogenannten Schalwar) im Schatten meines Sonnenschirm und friere erbärmlich. Wie kalt kann es eigentlich im Schatten noch sein? Mein Mann legt sich tapfer neben mich und beteuert, dass er eh nicht in die Sonne wolle und im Schatten könne er auch viel besser lesen. Ja, ist klar!
Ich denke über meine veränderte Perspektive nach. Das Leben ist nicht zu Ende, weil ich mich von 11-16 Uhr nicht mehr in der Sonne aufhalten sollte. Ich brauche: einen großkrempigen Hut, immer gute Sonnencreme (auch so ein Thema....), einen Knirps-Regenschirm für Notfälle und ganz leichte, langärmlige Kleidung, die man gut in einer Tasche verstauen kann.
Ich kann auch im Meer schwimmen gehen (evtl. mit T-Shirt) und Besichtigungen machen. Es kommt darauf an, was ich draus mache. Entspannt ziehe ich mir eine weitere Fleecejacke an und schlage mein Buch auf. Das Leben ist gut.

Sonntag, 12. April 2015

Kontrolle bei den Liebsten

Nach der Diagnose habe ich nicht lange gezögert und meine Kinder zur Untersuchung angemeldet. In der letzten Woche war es soweit.

Wir fahren zu dritt zur Ärztin. Mein Sohn (17) ist stiller als sonst, die "Kleine" (14) lebensfroh wie immer. Die Untersuchung muss privat bezahlt werden. Für unter 18jährige ist ein Hautscreening nicht vorgesehen, auch wenn es familiäre Vorbelastungen gibt. 
Meine Hautärztin macht gar keine Hautscreenings mehr, die von der Krankenkasse übernommen werden. "Ich kann bei dieser Form der Untersuchung nicht dafür garantieren, dass ich alles sehe", sagt sie. "Die Kasse übernimmt nur Untersuchungen ohne jegliche Hilfsmittel. Wie soll ich mit meinem bloßen Auge alles erkennen?"
Meine Tochter ist zuerst dran. Zuhause war sie noch völlig aus dem Häuschen, als ich ihr mitteilte, dass sie sich komplett entkleiden muss ("Alles? - Nö, das mach ich nicht, kannste vergessen!")
Jetzt legt sie ihre Kleidung brav ab und die Ärztin beginnt mit der Kontrolle. Ein Fleck auf dem Bauch wird eingescannt und durch eine Art Scanner gejagt. Das Ergebnis lautet: verdächtig. 
Die Ärztin sagt:"Dieses Mal entfernen wir. Es kann sich auch um eine Vorstufe handeln, aber sicher ist sicher." Ich muss schlucken. 
Ein weiteres Mal am Po wird fotografiert, damit beim nächsten Screening ein Vergleich gemacht werden kann. So können Veränderungen sofort gesehen und entsprechend gehandelt werden.
Mein Sohn geht allein ins Untersuchungszimmer. Sein Ergebnis: zwei verdächtige Flecken werden entfernt. Wieder bin ich innerlich geschockt - denke aber im nächsten Moment: 'Ja, früh genug. Wir sind zur richtigen Zeit hier. Es ist nicht zu spät.'
Der Termin für die Entfernung ist erst in zwei Monaten. Ich beobachte meine Kinder. Sind sie besorgt oder gar verstört? Nein, alles in Ordnung. Ich bin erleichtert. Meine Hysterie scheint sich tatsächlich nur in meinem Innern abzuspielen oder, wenn die Kinder nicht anwesend sind. Oder immer dann, wenn eine Saite bei mir angeschlagen wird, die mich auf die Krankheit zurückwirft. 

Am meisten weine ich derzeit bei meiner Hausärztin und meiner behandelnden Hautärztin. Sobald es um die Krankheit geht, laufen die Tränen - ganz anders, als im Gespräch mit Freunden oder Arbeitskolleginnen. Dort kann ich abschalten und das ganze von mir fern halten.Sobald meine Ärztin im Sprechzimmer auftaucht, laufen bei mir die Tränen. Mittlerweile ist mir das schon peinlich - wer will schon als Heulsuse gelten? 

Jetzt fahren wir nach Hause, singen im Auto und holen uns Brötchen, um ein ausgiebiges Ferienfrühstück zu veranstalten. Morgen geht es in den Urlaub. Wir fliegen in die Türkei. Diese Reise haben wir vor der Diagnose gebucht. Mal sehen.

Montag, 16. März 2015

Mein neuer Begleiter: die Angst

Nachdem ich mich in den letzten zwei Wochen zunehmend besser gefühlt hatte und die Diagnose Hautkrebs nicht mehr ständig meine Gedanken belastete, erlitt ich am Wochenende einen herben Rückschlag.
Nach dem gemütlichen Frühstück in Bademantel und Pantoffeln nehme ich eine ausgiebige Dusche. Ein Ritual besteht nach dem Duschen darin, die Narbe auf dem Rücken zu inspizieren und einzucremen. Ich drehe mich also um und traue meinen Augen nicht: direkt neben der Narbe befindet sich ein schwarzer Punkt. Unübersehbar und neu.

14.03.2015

25.02.2015 (die selbe Stelle)
Mein Mann, der von mir eiligst herbeigerufen wurde, sagt sofort, dass das nichts Schlimmes sein könne. Denn so schnell könne sich Hautkrebs doch nicht entwickeln. Oder?
Ich lasse ein Fotos schießen und poste es in die Facebookgruppe. Die einen sagen, es sei nichts schlimmes, die anderen raten, direkt zum Arzt zu gehen. Der Trermin für die Entdeckung ist natürlich perfekt gewählt: Samstag Mittag. Da bleibt nur eine Notfallpraxis. Ich lasse mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen und fahre mit dem Auto zu meiner Schwester. Auf der 20minütigen Fahrt überkommt mich Panik. Was ist dort auf meinem Rücken los? Habe ich nicht auch stark geschwitzt in den letzten Tagen und ist dies nicht auch ein Indiz, dass etwas nicht in Ordnung ist?
Bei meiner Schwester breche ich zusammen. Ein Heulkrampf jagt den nächsten. So kenne ich mich nicht. Und ich kann nichts dagegen tun - die Angst beherrscht mich.
Meine liebe Schwester tröstet mich, so gut sie kann (und sie kann es gut! :-)). Sie nimmt mir das Versprechen ab, dass ich sofort ins Krankenhaus fahre.
Der nette Mann an der Zentrale des St. Josefs-Krankenhauses bestätigt mir, dass ein Dermatologe für den Notfall bereit steht. Ich muss mich aber zunächste in der Notfallpraxis melden und untersuchen lassen.
Nach knapp zwei Stunden Wartezeit werde ich ins Sprechzimmer gerufen (so ist das halt am Wochenende in der Notfallpraxis). Ich bin sehr aufgeregt und zeige dem Arzt zunächst das Foto vom 25.2. und danach meinen Rücken. "Ich kann gut verstehen, dass Sie Angst haben", sagt der Arzt. "Aber in diesem Fall handelt es sich um etwas ganz harmloses. Dies ist ein Blutschwämmchen." Ich starre den Arzt an. "Sind Sie sich 100% sicher?" frage ich mit zittriger Stimme. "100%! Machen Sie sich keine Sorgen mehr." Ich breche (mal wieder...) in Tränen aus. Der Arzt nimmt mich in den Arm. "Ach Mädchen, komm mal her. Ist doch alles wieder gut." Ich kann schon wieder grinsen. Mit dem guten Ergebnis renne ich nach draußen in den Wartebereich. Mein Mann nimmt mich in den Arm. "Alles gut!"
Auf der Fahrt nach Hause merke ich, wie verletzlich ich mich fühle und wie fragil mein Zustand noch ist. Das kann so nicht weitergehen. Ich muss etwas dagegen tun. Ein Plan entsteht langsam in meinem Kopf.

Dienstag, 3. März 2015

Einmal ganz nach unten, bitte!

Am nächsten Tag breche ich bei meiner Hausärztin zusammen. Und schäme mich. Viel Lärm um nichts, dir geht's doch jetzt wieder gut, alles ist überstanden - das geht mir durch den Kopf.
Die Ärztin beruhigt mich. Vielen Menschen, insbesondere Frauen, gehe es nach der überstandenen Behandlung zunächst schlecht. Das hänge damit zusammen, dass man sich erst jetzt traut, über Fragen nachzudenken, die auch mal existentiell sein können. Ich nicke - sie hat recht.
Den Krankenschein über zwei Wochen lehne ich zunächst ab. (Erst ein paar Tage später bin ich bereit einzusehen, dass ich noch Ruhe und Zeit für mich brauche.)
Meine Tochter liegt mit Fieber im Bett und ist zu Hause, der Hund leistet mir Gesellschaft. Ich bin nicht ganz allein, habe aber ausreichend Zeit, um über das Geschehene nachzudenken. Und... über das, was kommt. Ich weiß nicht, ob mir die Zukunft zum ersten Mal Angst macht. Wie wird es im Sommer sein? Sitze ich dick vermummt zu Hause? Werden die südlichen Länder zu no-go-Areas? Welche Sonnencreme schützt? Schützt Sonnencreme überhaupt? Bin ich mehr gefährdet als andere, wieder zu erkranken? Was ist mit meiner Familie? Wie geht es den vielen anderen da draußen, die den gleichen Befund erhalten haben? Was machen die?
Ich merke, dass ich aktiv werden will. Gutes Zeichen. Ich recherchiere im Internet und finde auf Facebook eine nette Gruppe: Diagnose Hautkrebs - und lachend in der Sonne. Hört sich gut an, ich trete bei.
Es geht aufwärts - wenn auch in Schüben. Egal. Die Richtung stimmt.